Lernatlas 2011: Letzter Platz des Kreises Lippe nicht
nachvollziehbar - Experten geben Rückendeckung
Mit großem Unverständnis haben die
verantwortlichen Bildungsakteure auf Kreisebene die
Ergebnisse des Lernatlas 2011 der Bertelsmann-Stiftung
reagiert. "Platz 144 von 144 verglichenen Kreisen
suggeriert eine schlechte Bildungsarbeit in Lippe. Das
können und wollen wir nicht so stehen lassen",
betonte Landrat Friedel Heuwinkel jetzt in einem
Pressegespräch im Detmolder Kreishaus.
Nachdem am Montag die Studie veröffentlicht worden
war, hat sich der Kreis in den vergangenen Tagen intensiv
mit den erhobenen Daten beschäftigt. Seine
Einschätzung relativiert das schlechte Abschneiden
Lippes: "Die Studie ist eine statische Momentaufnahme, die
keinerlei Entwicklungen berücksichtigt",
bemängelt Markus Rempe, Vorstandsvorsitzender der
Lippe Bildung eG, die Forschungsweise des Atlas. Das
Zustandekommen der Rangplätze sei intransparent und
die Methodik der Studie kaum zu durchschauen. "Die Zahlen
beziehen sich auf das Jahr 2009, teilweise sogar auf das
Jahr 2006", weist er auf das veraltete Zahlenmaterial hin.
Besonders mit der Bildungsgenossenschaft und dem
Bildungsbüro hat der Kreis aber in den vergangenen
Jahren seine Bemühungen im Bildungsbereich stetig
intensiviert und Instanzen geschaffen, die viele
erfolgreiche und nachhaltige Projekte auf den Weg gebracht
haben. "Diese Anstrengungen werden in dem Lernatlas an
keiner Stelle berücksichtigt und die geleistete Arbeit
mit einem Schlag zu Nichte gemacht", zeigt sich Hans
Böke, Fachbereichsleiter Bildung beim Kreis Lippe,
enttäuscht über das verzerrte Bild, das nun auf
den gesamten Kreis falle. "Mit dieser derart
undifferenzierten Darstellung hat die Bertelsmann-Stiftung,
die eine führende Rolle beim Aufbau kommunaler
Bildungslandschaften beansprucht, großen Schaden
verursacht", unterstreicht auch Landrat Friedel Heuwinkel.
Besonders in dem Bereich "Schulabgänger ohne
Hauptschulabschluss" hat Lippe laut Studie schlecht
abgeschnitten. Tatsächlich lag die Quote im
betrachteten Jahr 2009 mit 6,7 Prozent über dem
Landesdurchschnitt. Betrachtet man aber die Jahre 2007,
2008 und 2010 wird deutlich, dass die Quote in diesen
Jahren mit 4,8 bzw. 5,3 Prozent unter dem Durchschnitt lag.
"So entstehen durch eine reine Querschnittsbetrachtung
verzerrte Ergebnisse, die für den Kreis Lippe fatal
ausfallen", erläutert Dr. Claudia Böhm-Kasper,
zuständig für das Bildungsmonitoring beim Kreis
Lippe.
Beim Indikator "Junge Erwachsene (20 bis 24 Jahre) mit
höherem Schulabschluss" belegt der Kreis mit einem
Anteil von 59,95 Prozent Rang 134. Hier ist eine doppelte
Verzerrung festzustellen: Zum einen handelt es sich erneut
nur um eine Zeitpunktbetrachtung. Zum anderen entstammen
die Daten dem Mikrozensus, die auch den Kreis
Minden-Lübbecke einschließen. Allgemein ist
festzuhalten, dass nur für 16 der 38 betrachteten
Indikatoren tatsächlich Kreisdaten vorliegen. "Die
Vergleichbarkeit der 144 Kreise ist aufgrund
unterschiedlicher Landesgesetzgebungen und
unterschiedlicher Rahmenbedingungen, wie der
wirtschaftlichen Situation einer Region oder der Anteil von
Menschen mit Migrationshintergrund, zweifelhaft", sagt
Landrat Heuwinkel Auch das Deutsche Institut für
Internationale Pädagogische Forschung gibt dem Kreis
in seiner Einschätzung Rückendeckung: "Aus
unserer Sicht weisen die gewählten Verfahren vor allem
in Bezug auf die regionalen Aggregate der einbezogenen
Kennzahlen gravierende Mängel auf, so dass die
vorgenommenen Eingruppierungen der Kreise in Rangreihen
nicht vertretbar sind".
Heuwinkel weist aber auch darauf hin, dass natürlich
an einigen Stellen Handlungsbedarf bestehe: "In Lippe ist
das Verhältnis von gemeldeten Bewerber auf einen
Ausbildungsplatz zu den tatsächlich vorhandenen
Ausbildungsplätzen seit jeher ungünstig. Doch
auch hier haben wir mit unseren Berufskollegs in den
vergangenen Jahren Strukturen geschaffen, um unversorgte
Jugendliche aufzufangen und umfassende qualifizierende
Bildungsgänge geschaffen". Die darüber hinaus
noch unversorgten Bewerber würden durch intensive
gemeinsame Anstrengungen der Agentur für Arbeit, der
Kammern und der Koordinierungsstelle Schule-Beruf betreut.
"Von 1000 unversorgten Jugendlichen im Juni 2011 konnte die
Zahl bis September auf 97 reduziert werden. Und auch diese
Jugendlichen werden weiter beraten und betreut und erhalten
ein konkretes Angebot", sagt er.
Vom negativen Ergebnis im Lernatlas 2011 will sich der
Kreis in seiner Bildungsarbeit nicht entmutigen lassen:
"Wir werden auch künftig alles dafür tun, Bildung
zu fördern und zu gestalten", betonen die vier
Kreisakteure.
Am 1. Dezember findet eine Sondersitzung des
Bildungsausschusses zu dem Thema statt. Hier soll ein
Vertreter der Bertelsmann-Stiftung Rede und Antwort stehen.
Darüber hinaus wird auch das Deutsche Institut
für Internationale Pädagogische Forschung
anwesend sein.