Die Lippische Rose
Kaum eine Region in Deutschland
identifiziert sich so mit ihrem Wappen, wie der Kreis
Lippe. Die lippische Rose ist einfach mehr als ein
bloßes Wappen. Sie ist Kennzeichen eines Kreises,
Aushängeschild einer Region und Identifikationsmerkmal
für die Menschen. Deswegen verwundert es nicht, dass
alle Änderungen, die die lippische Rose in ihren
verschiedensten Anwendungen erfährt, von den
Lipperinnen und Lippern aufmerksam beobachtet und kritisch
kommentiert werden. Jüngstes Beispiel dafür ist
die Änderung der lippischen Rose im neuen
Marketingauftritt des Landes Nordrhein-Westfalen. Lange
Jahre war sie im Landeswappen sogar "falsch herum" zu
sehen. Doch auch die neue Rose, wie sie die Kreisverwaltung
für ihre Öffentlichkeitsarbeit einsetzt, musste
sich gegenüber den heraldischen Traditionalisten erst
einmal behaupten. Mancher dünkt mit einem
Augenzwinkern in diesen Diskussionen bald eine besondere
Art des "lippischen Rosenkriegs". Doch gibt es die
klassische Rose überhaupt? Wo kommt die Rose
eigentlich her und welche Chancen bietet sie dem Kreis
Lippe? Diese und andere Fragen sollen Gegenstand einer
kurzen Betrachtung der lippischen Rose sein.
Von Rittern und Rüstungen - Die Rose als Wappen
Starten müssen wir mit der Frage nach der Herkunft und
dem Ursprung der lippischen Rose. Wenn für viele die
lippische Rose auch schon zur Selbstverständlichkeit
im lippischen Straßenbild geworden ist, werden viele
zögerlich, wenn man sie nach der Entstehung der Rose
fragt. Um genau zu recherchieren, müssen wir
zurück in das finstere Mittelalter. Hier gaben sich
viele Geschlechter ein eigenes Wappen, vor allem, damit
sich die Ritter bei ihren Kampfspielen unter den oft gleich
aussehenden Rüstungen wenigstens durch farbenfrohe
Zeichen unterscheiden konnten. Das Wort "Wappen" kommt
übrigens vom mittelhochdeutschen "wapen" und bedeutete
damals das gleiche wie "Waffen". Im "Waffengang" mussten
sich diese Wappen also deutlich unterscheiden und waren auf
eine klare Gestaltung mittels unvermischter Farben und
eindeutigen figürlichen Darstellungen aus der Umwelt
angewiesen. Historiker gehen davon aus, dass um das Jahr
1200 nahezu alle deutschen Adelsfamilien über ein
eigenes Wappen verfügten.
Bernhard und die Minne - Ursprünge der lippischen Rose
Die erste Rose überhaupt findet sich
auf einem um 1193 vergrabenem Lippstädter Pfennig.
Auch in Lemgo wurden 1215 bereits Pfennige mit einer Rose
darauf geprägt. In einem Wappen taucht die Rose
erstmals ab dem Jahr 1218 auf den Siegeln von Hermann II.
auf. Als eigentlichen Stifter der lippischen Rose im Wappen
der eigenen Familie kommt aber Bernhard II. in Betracht,
der 1192 die Erlaubnis erhielt, auf den Kämmen des
Teutoburger Waldes die Falkenburg, also die Wiege des
Lipperlandes, zu errichten. Doch der 1140 geborene Bernhard
II. weilte schon in jungen Jahren am Hofe "Heinrichs des
Löwen" und lernte dort sehr früh die damals neue
Mode kennen, ein Wappen zu führen. Die Epoche
Bernhards II. ist die Hochzeit des mittelalterlichen
Minnedienstes. Die Rose ist bereits seit frühen Zeiten
das Sinnbild für die Lebensfreude und Liebe gewesen.
In vielen zeitgenössischen Darstellungen findet man
deshalb die Rose auf den Schildern und Decken der Ritter,
die auszogen, um die Minneburgen zu erobern. So vermuten
Experten im Minnedienst des lippischen Ritters den Grund
zur Wahl der Rose als Wappen für Bernhard II.
Ob rot, ob blau - Erste Ausgestaltung der Rose
Als erste farbliche Gestaltung der lippischen Rose ist wohl
die Darstellung auf dem Fuß eines Kelchs aus der St.
Jacobikirche in Lippstadt zu sehen. Dort prangt neben zwei
anderen Wappen auch die rote Rose auf lippischem Schild.
Wenn die Farben des lippischen Wappens auch erst ab dem 14.
Jahrhundert belegt sind, besteht kein Grund zur Annahme,
dass sich die Farben seit der Annahme des Wappens im 12.
Jahrhundert geändert haben. Lediglich Lemgo führt
nachweisbar seit dem 16. Jahrhundert die blaue Rose auf
silbernem Grund. Alle anderen Darstellungen der lippischen
Rose haben jedoch bis heute rot als Farbe der
Blütenblätter beibehalten.
Auf den Kopf gestellt - Die Rose im NRW-Wappen
Eine immer wieder gehörte Kritik
bezieht sich auf die Darstellung der lippischen Rose im
nordrhein-westfälischen Landeswappen. Anders als in
vielen älteren Darstellungen wurde die Rose hier nicht
"auf die Spitze" gestellt, sondern mit einem Kelchblatt
nach oben ausgerichtet. Für die Neugestaltung des
Landeswappens hatte das nordrhein-westfälische
Landeskabinett nach dem zweiten Weltkrieg einen Wettbewerb
ausgeschrieben, auf den immerhin 1.088 Entwürfe
eingingen. Zum Zuge kam der Entwurf des Heraldikers
Wolfgang Pagenstecher, in dem die Rheinprovinz mit
silbernem Fluss auf grünem Grund, das
westfälische Pferd auf rotem Grund und die lippische
Rose berücksichtigt wurden. Die Rose wurde hier mit
roten Blättern, goldenen Butzen und fünf
Kelchblättern dargestellt und ist mithin der
älteste Teil des nordrhein-westfälischen Wappens.
Der Beschluss des Landeskabinetts zum neuen Landeswappen
wurde am 21. Januar 1948 veröffentlicht. Kurioserweise
genau ein Jahr nach dem Anschluss des Freistaates Lippe an
Nordrhein-Westfalen. Endgültig bestätigt wurde
das neue NRW-Wappen aber erst durch Gesetz vom 10.03.1953.
Doch schon vorher hatte der damalige Bundespräsident
Prof. Dr. Theodor Heuss beim Besuch der ersten Lippischen
Heimattage 1951 gesagt: "Die lippische Rose im Wappen des
größten deutschen Bundeslandes stellt nicht
umsonst die verbindende Schönheit zwischen dem
Rheinland und Westfalen dar…". Damit ist Lippe der
einzige Kleinstaat, der es abseits der Stadtstaaten Bremen
und Hamburg geschafft hat, sein Wappen in ein neues
bundesdeutsches Landeswappen einzubringen. Zum 1.05.2007
nun hat die nordrhein-westfälische Landesregierung
ihre neue Gestaltungsrichtlinie in Kraft gesetzt. Im Rahmen
dieses Re-Designs ist auch die lippische Rose
überarbeitet worden. Diese Überarbeitung hat eine
weitere Abstrahierung der Rose im Landeswappen mit sich
gebracht. Inwieweit dieser Teil des neuen Wappens noch als
Rose zu erkennen ist, mag an dieser Stelle dahingestellt
bleiben. Eines aber hat diese Neuerung gebracht: Die
lippische Rose steht im Landeswappen nun endlich "richtig"
herum.
Zwischen Schwalbe, Stern und Rose - Altes Wappen für
neuen Kreis
Die lippische Rose war also nach dem zweiten
Weltkrieg völlig unbestrittenes Wappenzeichen der
Region zwischen Weser und Teutoburger Wald. Doch neben den
168 Städten und Gemeinden auf lippischen Gebiet
existierten bis 1973 auch zwei Landkreise. 1951 verlieh der
Innenminister des Landes NRW dem Kreis Detmold im
südlichen Lippe ein eigenes Wappen. Es zeigt einen
horizontal geteilten Schild, auf dem oben die rote
lippische Rose auf silbernen Grund und unten ein
achtstrahliger goldener Stern mit naturfarbener Schwalbe zu
sehen ist. Das Detmolder Kreiswappen vereinigt damit die
Stammwappen der Edelherren zu Lippe und der Grafen von
Schwalenberg. 1952 folgte die Verleihung des Wappens
für den Altkreis Lemgo, dem vor allem die
nordlippischen Kommunen angehörten. Das Lemgoer
Kreiswappen unterschied sich vom Detmolder Vorgänger
nur dadurch, dass in der unteren Hälfte ein roter
achtzackiger Stern auf goldenem Grund erschien. Dieser
Stern stand für die Grafen von Sternberg, deren Burg
zwischen Öhlentrup und Bösingfeld noch heute
aktiv als Musikburg genutzt wird.
Als 1973 im Rahmen der kommunalen Gebietsreform beide
Kreise zum neuen Kreis Lippe vereinigt wurden, lag es nahe,
die lippische Rose als neues Wappen zu wählen. Zwar
gab es auch andere Vorschläge, die versuchten, die
Schwalenberger Schwalbe, den Sternberger Stern und die
lippische Rose in einem Wappen zusammen zu führen.
Doch letztlich setzte sich die lippische Rose als das
einheitliche Zeichen für den gesamten Kreis Lippe
durch. Am 17.07.1973 genehmigte der Detmolder
Regierungspräsident das neue Wappen des Kreises Lippe
mit einer fünfblättrigen roten Rose mit goldenen
Kelchblättern und goldenen Butzen auf silbernem
Schild. Der Butzen ist von 16 goldenen
Staubgefäßen umgeben, die die ebenfalls neu
gebildeten 16 Städte und Gemeinden versinnbildlichen
sollen. Damit vollzog die lippische Rose einen weiteren
Schritt auf ihrem unaufhaltsamen Weg zum unumstrittenen
lippischen Identifikationszeichen.
Klatschmohn oder Edelblume - Freundlichkeit im Marketing
Mit der für die lippische
Kreisverwaltung im Jahr 2001 vorgestellten neu gestalteten
lippischen Rose - von vielen oft als "Klatschmohn"
verschrien - hat der Kreis Lippe einen weiteren Schritt in
der Entwicklung des regionalen Hoheitszeichens getan. Als
lippisches Hoheitszeichen wird das bewährte Wappen mit
der lippischen Rose in ihrer traditionellen Form daneben
für hoheitliche Zwecke natürlich weiter
verwendet. Zur besseren Vermarktung einer Region empfehlen
Marketingexperten aber neben einem solchen Wappen eine
besondere Marke. Wer im Wettbewerb der Regionen bestehen
will, muss sich als verlässlicher und kompetenter
Partner präsentieren. Dazu gehört auch eine
professionelle Außendarstellung. Grundgedanke der
Konzeption der neuen Rose war es deshalb, von der
bisherigen, eher geschlossenen und zweidimensionalen
Darstellung hin zu einer ansprechenderen Form zu gelangen.
Mit der dreidimensionalen Kelchform wollte der Kreis mehr
Freundlichkeit dokumentieren, als es mit der
stachelbewehrten Heckenrose möglich ist. Auf die
bisher eher stilisierte Formgebung folgte so eine eher
natürliche und botanische Gestaltung, damit sich die
neue Rose durch ihre Dreidimensionalität greifbarer
und freundlicher dem Betrachter öffnet. Die seit der
Vorstellung der neuen Rose vergangenen Jahre haben gezeigt,
dass sich diese neue Form für Marketingzwecke trotz
anfänglicher Berührungsängste mehr und mehr
durchgesetzt hat.
Im Wandel der Zeit - 800 Jahre lippische Rose
So streiten die lippischen "Gelehrten" gerne und viel
darüber, wie die lippische Rose denn nun auszusehen
hat: Klassisch oder modern, mit dem Kelchblatt nach unten
oder nach oben, zwei- oder dreidimensional usw. Vielleicht
hilft da ein Blick in die Entwicklung der Rose weiter. In
den ersten mittelalterlichen Darstellungen der Rose
variiert die Ausrichtung der Rose noch stark. Einmal weisen
zwei Blütenblätter nach oben, mal weichen sie um
30 Grad von der Längsachse ab, mal weist ein
Blütenblatt nach oben und die Rose ist genau an der
Längsachse des Wappenschildes ausgerichtet.
Kelchblätter fehlen übrigens in den
mittelalterlichen Darstellungen der Rose völlig. Sie
sind also wohl eher eine Zutat der Neuzeit. Wenn sich im
lippischen Alltag auch eine Darstellung durchgesetzt hat,
die mit Kelchblättern versehen und vertikal an der
Längsachse so ausgerichtet ist, dass ein
Blütenblatt noch oben zeigt, lässt sich diese
Darstellungsform doch historisch nicht belegen. Wenn man so
will, gibt es also keine "falsche" oder "richtige" Rose,
nur eine "übliche".
Einigkeit im Lipperland - Strahlkraft nach außen
Was sagt uns nun diese Betrachtung der
lippischen Rose? Zunächst klärt sie die
Ursprünge des lippischen Kennzeichens, indem es die
Rose auf Bernhard II. im 12. Jahrhundert
zurückführt. Er war es wohl, der die Rose als
sein Wappen wählte, weil er in der Rose das Symbol der
irdischen Liebe, also der mittelalterlichen Minne gesehen
hat. Diese Betrachtung zeigt aber auch, mit welcher
Konsequenz sich die Rose über acht Jahrhunderte hinweg
immer wieder als das Erkennungszeichen für das
Lipperland durchgesetzt hat. Daran konnte weder der
Übergang von der Monarchie zur Demokratie noch der
Anschluss des Freistaates Lippe an Nordrhein-Westfalen
etwas ändern. Die Rose drückt damit gestalterisch
aus, was die Lipperinnen und Lipper im Herzen tragen. Denn
anders als in anderen Flächenkreisen, die aus der
kommunalen Gebietsreform hervorgegangen sind, waren die
Menschen im Lipperland zuallererst immer Lipper. Die
regionale Identität der Menschen zwischen Senne und
Weser ist hier besonders ausgeprägt, und das ist gut
so. Deswegen sollten wir alle die Rose nutzen - egal, ob
rund oder stachelig - und mit ihr das Lipperland in der
ganzen Republik bekannt machen…vielleicht sogar
darüber hinaus.