Europäischer Hirtenzug führt durch Lippe -
Schäfer machen auf überzogene Bürokratie
aufmerksam
"Schafherden ziehen durch Europa - für eine bessere
Zukunft". Unter diesem Motto veranstalten
Berufsschäfer der deutschen
Landesschafzuchtverbände einen Hirtenzug von Berlin
nach Trier mit Abstechern in die Niederlande, Belgien und
Luxemburg. Jetzt hat der Hirtenzug Nordrhein-Westfalen und
den Kreis Lippe erreicht. Schäfermeister Anton Hense
aus dem Kreis Paderborn übernahm in
Blomberg-Großenmarpe den Staffelstab von seinem
Berufskollegen Klaus Seebürger. Anschließend
machte er sich mit seiner Schafherde auf den Weg, um sie
durch Ortsteile von Blomberg und Horn-Bad Meinberg
über Paderborn nach Dortmund weiter zu treiben, und
setzt so den Staffellauf fort.
Durch seine Teilnahme am Staffellauf möchte Hense die
Bedeutung der Schafhaltung aufzeigen, jedoch auch auf
Problembereiche hinweisen: "Im Kreis Lippe wollen wir gegen
die überzogene Bürokratie protestieren",
erklärt Hense. "Wir wehren uns gegen die elektronische
Einzeltierkennzeichnung, eine Vorschrift aus Brüssel,
die unter Praxisbedingungen gar nicht umzusetzen ist". Als
Berufsschäfer kennt er die Schwierigkeiten allzu
gut. Um Tiere mit verlorenen Ohrmarken aufzufinden und
individuell mit elektronischen Ohrmarken
nachzukennzeichnen, seien ständige Tierkontrollen und
Aussonderungen von Einzeltieren erforderlich: "Das ist in
größeren Herden nicht zu leisten.", betont der
Schäfer. Auch die aufwändigen
Dokumentationspflichten und die technischen Schwierigkeiten
bei der Handhabe der Scanner bedeuten einen extremen
Mehraufwand.
Landrat Friedel Heuwinkel und Amtstierärztin Dr. Heike
Scharpenberg waren bei der Stabsübergabe und beim
Abtrieb der Schafherde vor Ort, um das Anliegen der
Schäfer zu unterstützen. Heuwinkel zeigte
Verständnis für den Protest: "Die neuen
Kontrollaufgaben werden im Kreis Lippe mit Sachverstand und
Augenmaß erledigt. Ich hoffe, dass sich diese
Vorgehensweise durch den Hirtenzug in allen Regionen
verbreitet."
Dr. Scharpenberg hat vor einiger Zeit bereits mit Ilse
Aigner, Bundesministerin für Ernährung,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz, über die
umstrittene elektronische Einzelkennzeichnung bei Schafen
und Ziegen diskutiert und brachte ebenfalls ihre Kritik zum
Ausdruck: "Ich erwarte von der elektronischen Kennzeichnung
keine Vorteile. Weder für die
Tierseuchenbekämpfung, noch für die
Lebensmittelsicherheit." Vielmehr hält sie die
konventionellen Bestandsohrmarken für ausreichend,
denn "die meisten Zuchtschafe verbringen ihr Leben sowieso
im gleichen Bestand". Die überschaubaren Handelswege
rechtfertigten den Aufwand und die Kosten für das
elektronische Kennzeichnungssystem in Deutschland
keineswegs. "Für die Lämmer, die in Deutschland
zum Schlachtbetrieb gefahren werden, sind die
Bestandsohrmarken ja weiterhin erlaubt", begründet die
Amtstierärztin ihre Kritik, und stellt in Frage: "Wo
bleibt da die Logik? Immerhin soll die Verordnung die
lückenlose Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen
Tieres bis zum Geburtsbetrieb garantieren."
Für Bürokratieabbau: Landrat Friedel
Heuwinkel bei der Übergabe des Staffelstabes mit den
Schäfern Anton Hense (links) und Klaus Seebürger
(rechts) auf dem Hof Hollmeier in
Blomberg-Großenmarpe.